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#1

Wo der Spaß aufhört

in Humor 14.09.2020 18:30
von Peterbacsi • Admin | 3.590 Beiträge

Gesellschaft Wie zuletzt im Fall Lisa Eckhart: Immer wieder sorgt die Satire in Deutschland für mächtig Ärger. Was ist da los? Haben wir ein Humorproblem? Oder Probleme, die der Humor kenntlich macht? Erkundung eines längst nicht nur witzigen Spannungsfelds

von wolfgang schütz

Leipzig Am besten beginnt eine Problemgeschichte über Humor wohl einfach mit einem Witz. Denn kompliziert wird die Sache ja ohnehin sehr schnell – derzeit, hierzulande.

Nur mal zum Beispiel und ohne prominent, weil allesamt Fälle von preisgekrönten Kabarettisten: Polizeischutz für die Österreicherin Lisa Eckhart bei Auftritten in Deutschland nach Antisemitismus-Vorwürfen; Rausschmiss von Uwe Steimle beim MDR wegen vermeintlich rechter Hetze; von rechts dann wiederum Drohungen gegen Serdar Somuncu; und Jan Böhmermann brachte es sogar bis zu diplomatischen Verstimmungen; von den Tumulten über einen WDR -Kinderchor, der die motorradfahrende Oma im Hühnerstall zur „Umweltsau“ machte, ganz zu schweigen. Oder von Hassmails und Absetzungsforderungen gegen Dieter Nuhr und seine ARD -Sendung …
Bild entfernt (keine Rechte)
Ein Witz also. Wie wär’s damit: „Gehen zwei Journalisten an einer Kneipe vorbei.“ Nein, okay, zu alt und zu albern. Mehr Kunst und Unterhaltung verheißt da doch, eine ausgewiesene Humor-Expertin nach ihrem liebsten Witz zu fragen. Eva Ullmann, Gründerin und Leiterin des Deutschen Instituts für Humor, Humorforscherin also, die mit ihren Mitarbeitern, in Büchern, Vorträgen und Seminaren für mehr und besseren Humor sorgen will, in Firmen, in der Medizin, der Pädagogik … – worüber lacht sie in ihrem Büro im Zentrum Leipzigs?

Witz a) Sprüche, die Frauen mit Wein vergleichen, beginnend bei: „Reicht für die Küche.“ Endend mit: „Taugt nicht viel, aber knallt gut.“ Kicher, kicher?

Witz b) Eine Geschichte über drei Juden, die im Paradies auf einer Bank sitzen und sich offenbar bestens amüsieren. Als Gott vorbeikommt, sagt gerade einer: „Und als du in Auschwitz schon auf dem Weg zur Gaskammer tot umgefallen bist …“ und alle drei lachen nur noch lauter. Was Gott verstört innehalten und völlig verständnislos auf die drei blicken lässt. Daraufhin steht einer auf, legt Gott die Hand auf die Schulter und sagt: „Mach dir nichts draus. Du warst ja nicht da.“ Schluck. Lächel? Lach?

Wer solche Witze schon grenzwertig findet, für den könnte bei mancher Kabarettvorstellung tatsächlich schnell der Spaß aufhören. Wenn Eckhart über Juden als Sexualstraftäter spricht; Böhmermann den türkischen Präsidenten Erdogan dichtend als „Ziegenficker“ schmäht; Steimle in „Putin-Versteher“-Shirt oder „Kraft durch Freunde“-Niki auftritt, Horrormeldungen über Flüchtlinge erfindet und die rechtsextreme Terrorzelle „Revolution Chemnitz“ mit der „Olsenbande“ vergleicht; wenn sich Somuncu nicht umsonst „Hassias“ nennt und schon mal Hitlers „Mein Kampf“ auf die Bühne bringt. Eva Ullmann erklärt: „Bei Heinz Erhardt damals mag noch eine wirkungsvolle Übertretung gewesen sein, mit dem Gartenschlauch ins Nachbargrundstück zu spritzen“ – heute aber sei da schon ganz anderes geboten. Bloß wozu? Um Aufmerksamkeit zu erregen?

Wobei, das vorweg: Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Witz und Kabarett – nicht von ungefähr antwortete der große Bühnenhumorist Josef Hader unserer Redaktion vor Jahren auf die Lieblingswitz-Frage: Er kenne keine Witze, könne sich die nie merken und auch nur schlecht erzählen. Kein Witz. Als Witzerzähler wird man vielleicht Comedian, der Kabarettist aber ist dem Schauspieler deutlich verwandter, Darsteller einer Figur, in einer Rolle.

Und der Witz, den Eva Ullmann erzählt? Ist tatsächlich der Altherrenknaller und nicht die jüdische Doppelbödigkeit. Aber bevor sie etwas für ihre Vorliebe Wichtiges und für das Verständnis von Satire überhaupt Wesentliches sagt, schiebt sie noch Überraschenderes hinterher: Mit dem Humor in Deutschland stehe es nämlich sehr gut. Verbreitung und Einsatz: sehr verbessert. „In den vergangenen Jahren hat sich da unglaublich viel entwickelt, etwa in Therapien, wo Humor in den 80er und 90er Jahren noch total verpönt war. Das ist heute nicht mehr so.“ Auch im Arbeitsleben habe der Humor eine extreme Aufwertung erfahren, es gebe Workshops wie „Humor für Führungskräfte“, die nicht nur Präsentationen zugänglicher machen sollen. Ullmann: „Es ist nicht mehr so, dass wir tagsüber arbeiten und abends lachen – das vermischt sich viel mehr.“ Und mehr Humor in Marketingkampagnen. Insgesamt jedenfalls: Mehr Humor in unserem täglichen Leben „als je zuvor in Deutschland“!

Aber das betrifft, was die Humorforschung „sozialen Humor“ nennt – wo der Witz aufwertend, produktiv und verbindend eingesetzt wird. Wir tun uns also so leicht wie nie mit der harmlosen Art des Humors.

Dafür scheinen wir mit der anderen Seite immer mehr Probleme zu haben: mit dem „aggressiven Humor“, der kritisch und oft abwertend eingesetzt wird. Was zurückführt zu der Frage: Wozu es den überhaupt braucht? Für Eva Ullmann: eine klassische Funktion. So wie der Hofnarr einst dem König den Spiegel vorgehalten habe, tue das in einer demokratischen Gesellschaft das politische Kabarett. Ein Balanceakt. Denn einerseits gilt: „Der Hofnarr hat immer schon gefährlich gelebt“ – auch wenn er heute nicht mehr geköpft, sondern bloß noch kritisiert und in den „Sozialen Medien“ gejagt werde. Und andererseits ist wichtig: „Ein Hofnarr, der zu brav ist, wird nicht gehört und nicht gesehen, der ist also kein guter Hofnarr, weil er seiner Funktion nicht nachkommt.“ Wieder fungierten die Internet-Plattformen als Verstärker, weil dort ohnehin schon alle in die gleichen Kanäle um Aufmerksamkeit brüllten. Es muss also schon mal knallen. Das ist das äußerliche Eskalationsprinzip.

Hinzu kommt eine inhaltliche Verschärfung – quasi mit Rückkopplungseffekt. In einer immer komplexer werdenden, sich schneller wandelnden und vielfach gefährdet wirkenden Welt macht sich die Sehnsucht nach Klarheit, nach Eindeutigkeit breit. Heute nicht mehr nur als Wunsch der Wahrung von Traditionellem bei Konservativen oder im Verlangen nach Reinheit bei Rechten. „Starke Reglementierungen“, so Eva Ullmann, kämen ebenso aus der eigentlich liberalen Ecke. Ullmann: „Das Bemühen um politische Korrektheit nimmt im Moment so stark zu – wenn das so weitergeht, kann uns das nur zu Humorlosigkeit führen.“ Und diese Reglementierungswut wendet sich auch gegen das wesentlich liberale Ansinnen des Kabaretts: die Welt gerade durch Überzeichnung und Verzerrung in ihren vielen Grautönen wieder kenntlich zu machen.

Die Humorexpertin: „Wenn alles eindeutig schwarz oder weiß, gut oder böse, rechts oder links sein soll, werden alle Debatten schnell emotionalisiert, ohne dass noch richtig zugehört wird.“ So würden schon nach zwei Sätzen „fette Stempel wie Rassismus, Antifeminismus und Antisemitismus herausgeholt“, auch um sich selbst stark sichtbar zu positionieren. Alles werde stark mit Bedeutung aufgeladen und, wie das Kabarett, auch stärker bewertet. Gerade dagegen aber setzt sich das Kabarett zur Wehr, indem es Reglementierungen und Reinheitswünsche selbst aggressiv zum Thema macht. Doppelt verschärft.

Um die Eskalationsspirale abzuschließen, geht’s zurück ins äußere Eskalationsprinzip. Wer nämlich sichert dieser Provokation Aufmerksamkeit? Kein Zufall jedenfalls, dass die Empörung sich oft zuallererst bei jenen entlädt, die den aggressiven Satirikern eine Bühne bieten – im Fall Lisa Eckhart ein Hamburger Veranstalter; im Fall Steimle oder Böhmermann Fernsehsender, noch dazu öffentlich-rechtliche. Und im Resultat eine bedenkliche Tendenz: dass Eckharts Auftritt abgesagt, Steimle rausgeschmissen und etwa auch das Oma-Video getilgt wurde. „Cancel Culture“ heißt das neudeutsch: Bei Ärger lieber absagen? Andererseits: Muss sich eine Gesellschaft im Namen der Meinungsfreiheit alles bieten lassen? Muss sich der WDR bieten lassen, dass Somuncu ihn als „Keimzelle des Faschismus“ beschimpft, der MDR, dass Steimle ihn als „Staatsfunk“, Personen mit Schmähnamen wie „Marionetta Slomka“ verunglimpft und Deutschland ein „besetztes Land“ nennt? Dürfen die alles?

Eva Ullmann hält es da tatsächlich mit Kurt Tucholsky (siehe Kasten), in aller Kürze: Ja. Denn der Kabarettist spricht als Kabarettist, nicht als Politiker. „Und Kunst, zumal wenn Sie mir auf einer Bühne als Programm präsentiert wird mit einer Kunstfigur – die darf alles. Es muss mir ja nicht gefallen.“ Aber das sei dann eine Geschmacksfrage und keine der Meinungsfreiheit. Wie ihr Steimle weniger gefalle, dafür Eckhart umso mehr – gerade auch mit ihren Brüchen des Feminismus. Daher wohl auch die Freude am Herrenwitz. Ullmann sagt: „Was wir trainieren müssen, ist unsere Ambiguitätstoleranz – dass wir Widersprüche aushalten.“

Worum es der Gründerin des Humorinstituts dabei geht, zeigt sie an einer anderen lustigen Geschichte, diesmal aus der Wirklichkeit. Als sie kürzlich im Flugzeug saß und ein deutlich femininer Steward kontrollierend durch die Reihen ging, musste der einen Fluggast ermahnen: „Das Köfferschen noch ins Kläppschen.“ Als sich das bei der zweiten Runde wiederholte, blaffte der Fluggast zurück: „Halt die Klappe, du schwule Sau!“ Alles hielt die Luft an. Und der Steward daraufhin? „Schwul hin, schwul her – das Köfferschen gehört ins Kläppschen.“ Großartig, souverän. Gelächter, alles entspannte sich, ein Sieg auf ganzer Linie.

Eva Ullmann folgert: „Wir sollten uns entspannen.“ Und davon völlig unbenommen bleibe ja eh klar: „Solange wir als Schimpfwort nicht auch ‚Du heterosexuelle Sau!‘ haben, sondern nur ‚Du homosexuelle Sau!‘ haben wir auf der Diskriminierungsagenda noch was zu tun.“ Kein Witz.


Liebe Grüße
Peter
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