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Die Erleuchteten

in Gott und die Welt 26.11.2020 15:43
von Peterbacsi • Admin | 3.590 Beiträge

Pandemie Auf Corona-Demos wird gebetet, manche Initiatoren stellen sich als tiefgläubige Christen dar. Der Sektenbeauftragte Matthias Pöhlmann wirft ihnen eine perfide Instrumentalisierung des Glaubens vor


Von Daniel Wirsching
München Matthias Pöhlmann ist besorgt. Über die zunehmende Radikalisierung, die er auf Corona-Demos beobachtet. Und über die nicht nur aus seiner Sicht immer perfidere Art, wie Teilnehmer christliche Werte und Religion instrumentalisieren. „Es ist nicht auszuschließen, dass nun auch versucht wird, Weihnachten für Protestaktionen zu nutzen – wie das ja bereits am Martinstag mit ,Lichterumzügen‘ geschehen ist“, sagt der Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Christen, die auf Corona-Demos an der Seite von Verschwörungsideologen, rechten Esoterikern oder Rechtsextremen gegen staatliche Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise protestieren und sich nicht klar distanzieren – wie passt das mit der frohen Botschaft der Nächstenliebe zusammen?

Die Beispiele häufen sich, bundesweit und seit Monaten: Da wird eine von der „Querdenken“-Bewegung veranstaltete Demo auf der Theresienwiese in München am 1. November zu einem „Gottesdienst“ umfunktioniert, um eine Beschränkung bei der Teilnehmerzahl zu umgehen; da stellt sich eine Frau am 18. November in Berlin bei Protesten gegen das neue Infektionsschutzgesetz Polizisten mit einem Kruzifix entgegen; da betet Bodo Schiffmann Ende August in der Hauptstadt mit Demonstranten, die er seine Brüder und Schwestern nennt, das Glaubensbekenntnis. Zuvor sagt er, die zweite Pandemie-Welle sei eine Lüge und er ein „tief- gläubiger Christ“.

Schiffmann, ein auf Schwindelerkrankungen spezialisierter Arzt aus Baden-Württemberg, ist zu einem Star der selbst ernannten Querdenker geworden. Wochenlang reiste er durchs Land. Am 16. November machte er mit dem Youtuber und Corona-Leugner Samuel Eckert im Rahmen ihrer „Corona Info-Tour“ Halt in Kempten. Nach Schätzungen der Polizei kamen 800 Menschen, genehmigt war eine Demonstration mit 350 Teilnehmern.

Schiffmanns Tourbegleiter Eckert ist „seit wenigen Jahren Mitglied einer örtlichen Kirchengemeinde der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Baden-Württemberg, war aber nie Angestellter der Freikirche noch ist er als Beauftragter in ihrem Namen unterwegs“, erklärte die evangelische Freikirche Ende September. Sie distanzierte sich von Eckert sowie „mit aller Entschiedenheit von Auffassungen, welche die Gefahren einer Ansteckung mit dem Coronavirus leugnen“. Eckert, der als Adventist die Bibel wörtlich nimmt, zitiert bei einem Auftritt mit Schiffmann am 19. November im unterfränkischen Schweinfurt ausführlich aus ihr.

In Anspielung auf die geltenden Kontaktbeschränkungen sagt er, es sei nicht Nächstenliebe, wenn man sich von seinem Mitmenschen distanziere, weil man glaube, er sei eine Gefahr. „Die Nächstenliebe würde sich lieber selber opfern, dafür, dass man dem anderen hilft, und wenn man dabei draufgeht“. Eckert empfindet einen Mund-Nasen-Schutz als Unterdrückung. Zum Abschluss der Veranstaltung in Schweinfurt betet er: „Herr, lass uns deine Zeugen sein, deine Zeugen für Nächstenliebe, deine Zeugen für Freiheit (...), auf dass diejenigen, die zur Erleuchtung kommen möchten, zur Erleuchtung kommen können.“

Der Sektenbeauftragte Matthias Pöhlmann erklärt, dass sich derartige Aktivisten „für Vertreter des Lichts, für Aufgewachte“ hielten. „Sie begreifen sich als Lichtträger, die die unaufgeklärte Masse aufklären müssen.“ Es besorge ihn, welchen weltanschaulichen Hintergrund Initiatoren und Sprecher der „Querdenken“-Bewegung hätten und mit wem sie sich vernetzten.

Es sind Menschen, die zum Reichsbürger-Spektrum zählen und zur Neuen Rechten. Corona-Kritik wird damit zum Einfallstor für Verschwörungsideologen, Antisemiten oder Rechtsextreme. Zumal wenn entsprechende Inhalte im Internet, in sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten wie Telegram tausendfach geteilt werden.

Beispiel kla.tv : Das Internetportal, das teils antisemitische Verschwörungsideologien verbreitet, ist einer der Kanäle der Sekte Organische Christus-Generation (OCG). Die Münchner Generalstaatsanwaltschaft ermittelt gegen den Schweizer Sektengründer Ivo Sasek wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Im Frühjahr war bekannt geworden, dass Sektenmitglieder tausende Daten, darunter die von Spitzenpolitikern wie Annegret Kramp-Karrenbauer, zusammengetragen haben. Die Ermittlungen sind nach Informationen unserer Redaktion noch nicht abgeschlossen.

In einem Beitrag vom 21. November auf kla.tv , in dem es um das neue Infektionsschutzgesetz geht, wendet sich Sasek direkt an Zuschauer, die an Corona-Demos teilnehmen. Er ruft sie auf, sich „deutlich von eingeschlichenen Maulwürfen“ zu distanzieren. „Wenn sie randalieren, verurteilt das.“ Es ist eine allenfalls auf den ersten Blick mäßigend wirkende Botschaft. Sasek halte sich wegen des laufenden Vorermittlungsverfahrens momentan etwas zurück, sagt der Sektenbeauftragte Pöhlmann. Gleichwohl versuche er, anschlussfähig an die „Querdenken“-Bewegung zu bleiben. Pöhlmanns Wahrnehmung zufolge hat sich die OCG „in den vergangenen Monaten zunehmend radikalisiert“. „Die OCG begreift sich als erleuchtete Elite und stellt die Außenwelt als gefährlich dar. Ihr geht es darum, die vermeintlichen Drahtzieher eines bösen Weltgeschehens zu entlarven und letztendlich auch zu richten“, sagt er. Die Bösen, das seien Politiker, Pharmaunternehmen, „Mainstreammedien“ und alle Kritiker der OCG.

Sasek sagt auf kla.tv Sätze wie: „Alle Millionen da draußen, die ihr aufgewacht seid (...), hört nicht auf, Licht zu sein. Geht hin und klärt auf, was das Zeug hält.“ Jeder solle „zwei bis drei Neue“ hinzugewinnen. Für den Fall, dass „das Internet noch gänzlich gesperrt wird“, sollten sich seine Zuschauer physisch vernetzen. Schließlich sagt Sasek: „Bevor die Weltbevölkerung also nicht in ihrer absoluten Mehrheit deutlich sehen kann, welche Gestalten und Angreifer da am Werk sind, wer auch die Herren ganz zu oberst sind, die auch die Wissenschaft, die Raumfahrt, die Bildung, unsere obersten Politiker (...) fest im Griff haben, ist jede frühzeitige Aktion zum Scheitern verurteilt.“ Welche Aktion er meint, lässt er offen.

Wie viele christliche Fundamentalisten es gibt, die zur Bewegung der Corona-Kritiker zählen und Glaubensinhalte bewusst instrumentalisieren, können Experten nicht sagen. Übereinstimmend mit anderen Fachleuten erklärt Pöhlmann: „Es handelt sich um eine kleine, aber sehr lautstarke Minderheit, die die Religion für ihre Zwecke missbraucht. Das halte ich für gefährlich.“ Dadurch würden Menschen noch manipulierbarer. Es würden Leute angesprochen, die ein starkes Misstrauen hegten, einem Schwarz-weiß-Denken unterlägen, die Welt als bedrohlich empfänden oder sich im Kampf gegen böse Mächte wähnten. Diese suchten einfache Antworten und Sinnstiftung.

Pöhlmann spricht von einer örtlich sehr unterschiedlichen „bunten Misstrauensgemeinschaft“, die auf Corona-Demos zusammenkomme. Die Teilnehmer verbinde häufig auch ein Verschwörungsglaube, der für viele schon ersatzreligiöse Dimensionen habe. Es passe aber überhaupt nicht mit der christlichen Botschaft zusammen, so der Sektenbeauftragte, „wenn Misstrauen und Hass Ausgangspunkt sind für irgendwelche Erwartungen. Nächstenliebe und eine Kultur der Empathie sucht man hier vergebens“.

Eine junge Frau stellt sich am vergangenen Mittwoch bei Protesten gegen das neue Infektionsschutzgesetz vor dem Brandenburger Tor in Berlin Polizisten entgegen – mit einem Kruzifix. Foto: Kay Nietfeld, dpa


Liebe Grüße
Peter
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