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Südosteuropa laufen die Fachkräfte weg

in Mensch.Land.Flucht 23.07.2019 17:26
von Peterbacsi • Admin | 3.590 Beiträge

Hintergrund In Deutschland sind viele Betriebe froh, wenn sie gelernte Arbeitskräfte aus Ungarn, Rumänien oder Bulgarien finden. Für die betroffenen Länder ist es aber ein Drama

Bukarest „Wir sind eine im Verschwinden begriffene Nation.“ So sieht Marian Hanganu die Auswanderung aus Rumänien, einem der ärmsten Länder der EU. Hanganu ist dort Chef des Jobvermittlers Colorful. „Das Resultat ist, dass viele multinationale Unternehmen entschieden haben, nicht mehr in Rumänien zu investieren, weil es einfach kein Personal gibt.“ Ähnlich sieht es im Nachbarland Bulgarien aus. Viele Menschen aus Südosteuropa zieht es in Länder wie Deutschland, Italien und Spanien. Die Löhne in ihrer Heimat steigen zwar, aber nur gering. Unternehmer und Politiker von Budapest bis Athen sorgen sich. Gerade die jungen, gut ausgebildeten Menschen wandern ab. Fachkräfte fehlen an allen Ecken und Enden.

Mehr als zwei Millionen Rumänen leben nach Schätzung der Regierung in Bukarest im Ausland, die meisten in Spanien und Italien. Auch mehr als 700 000 Bulgaren haben nach offiziellen Angaben im EU-Ausland ein neues Zuhause. Aus Kroatien wanderten laut einer Studie der Nationalbank in Zagreb allein von 2013 bis 2016 insgesamt 230 000 Bürger ins EU-Ausland aus. Es entspricht einer Auswanderungsrate von zwei Prozent der Bevölkerung pro Jahr. Griechenland kehrten seit Ausbruch der schweren Finanzkrise 2010 nach Schätzungen der Gewerkschaften mindestens 400 000 überwiegend junge Menschen den Rücken. Sogar in Ungarn, das bislang als eines der am besten entwickelten Länder der Region galt, setzte nach der globalen Krise 2008 eine Emigrationswelle ein, wie die Budapester Soziologin Agnes Hars in einer Studie feststellte. Allein zwischen 2010 und 2017 hätten über 200 000 Ungarn zwischen 20 und 65 Jahren das Land verlassen.

Für Cristina Mihu zum Beispiel war die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, leicht. Sie hatte in der Schule in Deva in der rumänischen Provinz Transsylvanien Deutsch als zweite Fremdsprache gelernt. Während ihres anschließenden Medizinstudiums in Temeswar finanzierten ihre Eltern drei Praktika in Kliniken in Italien, Spanien und in Heidelberg. „Ich wollte international Erfahrungen sammeln“, sagt die 32-jährige Fachärztin für Innere Medizin am Klinikum Nürnberg. Seit sechs Jahren ist sie in Franken.

Die in Rumänien auch im Gesundheitswesen verbreitete Korruption war neben dem besseren Verdienst ein Grund für Cristina Mihu, auszuwandern. „Das hat mich schon gestört, auch wenn es früher schlimmer war“, sagt sie.

In Südosteuropa ist nun der Mangel an Ärzten und Pflegepersonal allgegenwärtig: In der ungarischen Kleinstadt Szolnok musste die Station für Infektionskrankheiten deswegen vorübergehend geschlossen werden. Das Kreiskrankenhaus der rumänischen Donaudelta-Stadt Tulcea hat seit neuestem keine Anästhesisten mehr, weil von den drei ursprünglich vorhandenen zwei gekündigt haben und einer selbst krank geworden ist.

Rumänische Unternehmer versuchen wegen des Engpasses sogar, Personal aus dem Fernen Osten anzulocken. Die Regierung hat für dieses Jahr ein Kontingent von 20 000 Arbeitskräften aus Nicht-EU-Ländern festgelegt.

Das Kontingent ist aber aus Sicht von Jobvermittler Hanganu nur ein „Tropfen auf den heißen Stein“. Mindestens 300 000 Arbeitskräfte fehlten in Rumänien.

Die Zusammenarbeit mit Gastarbeitern aus Fernost scheitere oft, weil etliche von ihnen das Klima und die Kost in Rumänien nicht vertrügen, sagt Andreea Tartacan, Mitarbeiterin von Hanganu. „Jetzt versuchen wir, zumindest für den Bausektor Arbeiter aus Tadschikistan anzuwerben. Sie sind wahrscheinlich körperlich robuster als die Vietnamesen, weil die Tadschiken aus der Steppe kommen“, meint die Expertin.

Aus Sicht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg profitiert Deutschland von den Zuwanderern aus Südosteuropa: „Sie sind meist jung, die Beschäftigungsquote ist annähernd vergleichbar mit der der Deutschen“, sagt Migrationsforscher Herbert Brücker. In diversen Branchen wie Bau, Pflege und Gastronomie würde es ohne die Kräfte eng, da sich kaum deutsche Bewerber fänden.


Liebe Grüße
Peter
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