Zum Seitenanfang Schritt hoch Schritt runter Zum Seitenende

#16

RE: Abgesang der Populisten : Trump (ver-)geht nicht

in Ausland und EU 27.11.2020 16:25
von Peterbacsi • Admin | 3.590 Beiträge

„Von Trump wird nichts übrig bleiben“
Interview Der Historiker Christopher Clark über mächtige Männer, die ohne ihr Amt zur leeren Hülle werden. Über die Frage, ob wir uns in 20 Jahren noch an Corona erinnern werden – und über Hörsäle ohne Studenten

Herr Professor Clark, in Ihrem neuen Buch ziehen Sie einen weiten und gewagten Bogen – er reicht vom König Nebukadnezar II. zu Donald Trump. Was verbindet den alten Babylonier mit dem amerikanischen Präsidenten?


Christopher Clark: Das Mysterium der Macht! Macht ist ein höchst interessanter Stoff. Man sieht sie nicht, sie hat keine Farbe, kein Gesicht. Man spürt aber deutlich ihre Wirkung. Menschen verbeugen sich vor Mächtigen, sie buhlen um die Gunst der Mächtigen, damals wie heute. Sie bleibt aber geheimnisvoll. Sie ist flüssig, sie nimmt ab und nimmt zu. Stabil ist sie nie. Das Amt des US-Präsidenten ist heute sehr machtvoll, es gab aber Zeiten, da hatte das US-Repräsentantenhaus klar die Oberhand.

Sehen Sie andere Parallelen zwischen König Nebukadnezar und Trump?
Bild entfernt (keine Rechte)
Clark: Gut möglich. Bei Trump können wir eines sehen: Die Macht hat ihn aufgefressen. Paradoxerweise muss derjenige, der Macht ausübt, sich vor der Macht verbeugen. Die Potentaten sind Knechte ihrer Macht. Von Trump wird nichts übrig bleiben. Wenn er das Amt bald verlassen muss, wird er nur eine leere Hülle sein, mehr nicht. Diese Hülle wird man im Januar aus dem Weißen Haus entfernen.

Und Nebukadnezar II.?

Clark: Er lebte im siebten Jahrhundert vor Christus. Interessant an diesem Großkönig ist die Tatsache, dass er der wichtigste Mann der Erde war. Dieser Potentat hatte Angst vor seinen Träumen – vor Dingen also, die in ihm stecken. Und der Außenseiter, der Prophet Daniel, erklärt ihm das alles, dabei war Daniel ein ohnmächtiger Mensch. An diesem Vorgang erkennen wir die Verflüssigung von Macht.


Den Verfall von Trumps Status konnte man beobachten. Einige Fernsehsender brachen die Übertragung einer Trump-Rede ab ...

Clark: Darunter war auch Fox News , die bisher in Vasallentreue an Trumps Seite standen, vier Jahre lang. In diesem Augenblick wurde ein medial-politisches Bündnis gebrochen. Fox sprang ab. Und Trumps Sockel splitterte.

Nun sind Sie Historiker – und sprechen doch über die Gegenwart. Wie kommt das? Kann es sein, dass der noch amtierende US-Präsident in diesen Tagen selbst Geschichte wird?

Clark: Er ist Geschichte, und ich überlege: Wie werden Historiker die Chronik dieser Zeit schreiben? Es ist eine bewegte Zeit, eine sehr interessante. Zu interessant, finde ich. Mir wäre es lieber, wenn unsere Zeit weniger bewegt wäre. Im Übrigen: Geschichte ist nichts Abgetrenntes, sondern die Gegenwart ist die Fortführung der Geschichte. Geschichte ist nicht Vergangenheit.

Sind Sie dann froh, dass dieser Mann das Weiße Haus und damit das große Parkett verlässt?

Clark: Ich war oft bei Dinnerpartys, auf denen es verboten war, das Thema Trump anzuschneiden. Die Leute dort waren es einfach müde, immer über dieselben Dummheiten zu sprechen. Eine Trump-Verdrossenheit war deutlich zu spüren.

Sie bringen in Ihrem neuen Buch noch einen Vergleich und stellen Kaiser Wilhelm II. und Trump nebeneinander. Wie kommen Sie darauf?

Clark: Beide Persönlichkeiten ähneln sich. Dem Kaiser wird häufig Gefühlskälte attestiert. Wilhelm II. hat alles auf sich bezogen, sei es Lob oder auch Kritik. Er musste immer in der Mitte des Bildes stehen. Bei Trump ist es das Gleiche, es geht immer nur um ihn. Beide sind und waren extrem reizbar, sind unfähig, sich mit einem Thema länger zu beschäftigen. Dann die Impulsivität. Alles, was durch den Kopf schießt, muss gleich raus.

Und die Unterschiede?
Clark: Wilhelm II. war deutlich intelligenter als der US-Präsident. Über Frauen hätte der letzte deutsche Kaiser nicht die Dinge gesagt, die ein Trump bisher sagte. Und Wilhelm II. hatte ernsthafte Interessen. Er war belesen und in mancher Materie durchaus sattelfest. Als ich mich erstmals mit diesem Kaiser beschäftigte und die Fachliteratur studierte, wurde er oft als typisch deutsch charakterisiert, vor allem das Nassforsche. Wenn ich mir Trump anschaue, dann sind diese negativen Charakterzüge gar nicht so typisch deutsch. Da wiederholt sich doch vieles. Selbst eine alt eingespielte Demokratie kann so einen Typus ins wichtigste Amt wählen.

Schauen wir auf Wilhelms Nachkommen. Die Familie Hohenzollern fordert bedeutende Vermögenswerte zurück – Bilder, Möbel sowie ein dauerhaftes Wohnrecht für Schloss Cäcilienhof in Potsdam ...

Clark: Ich bin insgesamt gegen die Rückgabe dieser Kunstwerte in private Hand. Das Vorgehen der Hohenzollern betrachte ich als Kampagne. Natürlich kann das Haus Hohenzollern jene Artefakte und Rechte zurückfordern, die während der sowjetischen Besatzung nach 1945 enteignet wurden. Dieses Recht gilt unabhängig davon, ob diese Familie adlig oder bürgerlich sein sollte. Doch sollten wir die Geschichte nicht rückgängig machen wollen. Die Objekte, um die es geht, stehen längst im musealen Raum. Sie sind Teil des deutschen Gedächtnisses, sind in Geschichtsbüchern abgedruckt. Sie gehören nicht mehr in private Hände.

Wir leben in der Ära Corona. Werden wir uns in 20 Jahren noch an die Pandemie erinnern? Andere verheerenden Seuchen gerieten auch in Vergessenheit.

Clark: Das ist eine spannende Tatsache, und ich weiß noch nicht, warum das so ist. Während der amerikanischen Revolution 1776 starben mehr Menschen an Pocken als bei Kriegshandlungen. Im Ersten Weltkrieg kamen mehr Amerikaner durch die Spanische Grippe um als an der europäischen Front. Solche Massenkrankheiten sind nicht für die Schlagzeilen geschaffen.

Wie geht es Ihnen als Professor in Cambridge, der volle Hörsäle gewohnt ist?

Clark: Meine Studenten fehlen mir! Sie sehen sich in ihren Zimmern meine Vorlesung am Bildschirm an. Das funktioniert ganz gut. Aber sie haben keinen Kontakt untereinander.

Interview: Uli Fricker


Liebe Grüße
Peter
nach oben springen

#17

RE: Abgesang der Populisten : Wahn und Wut im Weißen Haus

in Ausland und EU 28.11.2020 16:23
von Peterbacsi • Admin | 3.590 Beiträge

USA Trump kündigt friedliche Amtsübergabe an und verbreitet weiter absurde Theorien

Eigentlich begehen die Amerikaner das Thanksgiving-Fest im Familienkreis. Donald Trump drängte es am Feiertag in die Öffentlichkeit. Und er war auf Krawall gebürstet. „Reden Sie nicht so mit mir!“, fuhr er den in Kollegenkreisen als freundlich bekannten Korrespondenten Jeff Mason an: „Sie sind ein Leichtgewicht. Ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten!“

Diese Feststellung gilt allerdings nur noch für sechs Wochen – und Trump kann die Realität weiter nicht akzeptieren. Zum ersten Mal nach der Wahl am 3. November stellte er sich am Donnerstag den Fragen von Journalisten. „Das war eine manipulierte Wahl. Hundert Prozent“, behauptete er und fabulierte von „massivem Betrug“. Als Mason es wagte, nach einem Beleg zu fragen, fuhr Trump aus der Haut. Er beschimpfte den Reporter wild und entzog ihm das Wort.

Zwar antwortete der abgewählte Präsident später auf die Frage, ob er das Weiße Haus friedlich räumen werde, wenn das Wahlkollegium den Sieg von Joe Biden besiegelt: „Sicherlich werde ich das tun.“ Zuvor aber betonte er, dann würden die Wahlleute „einen Fehler“ machen. Biden habe „niemals 80 Millionen Stimmen“ bekommen. „Windige Beamte“ und „Staatsfeinde“ in Pennsylvania und Georgia hätten das Ergebnis manipuliert. Mit dieser haltlosen Behauptung begründet Trump auch die Klagewelle, die er angestoßen hat – bisher erfolglos. Von 39 Vorstößen wurden 38 von den Gerichten negativ beschieden oder gar nicht angenommen. Die Republikaner veranstalten nun öffentliche Schein-Anhörungen zu vermeintlichen Wahlmanipulationen.

„Ich denke, von jetzt bis zum 20. Januar wird noch viel passieren“, widersprach Trump jedem Gedanken an ein Einlenken. Tatsächlich bleiben ihm nach der Verfassung noch sieben Wochen im Amt. Am 14. Dezember tritt das Wahlleutegremium zusammen. Dort scheint Biden eine Mehrheit von 306 Stimmen der 538 Stimmen sicher. Offiziell ausgezählt wird das Ergebnis in Anwesenheit beider Kammern des US-Kongresses am 6. Januar. Zwei Wochen später findet die Inauguration des neuen Präsidenten statt.

Die verbleibende Zeit dürfte Trump nicht nur nutzen, um politische Weggefährten und möglicherweise sich selbst zu begnadigen. Er dürfte auch alles daran setzen, weitere Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Wahl zu schüren und die Biden-Präsidentschaft zu delegitimieren. In der Nacht zum Freitag twitterte er: „Ich habe gewonnen!“

„Trump schwankt zwischen Wahnvorstellungen und dem Furor, seine massive Erfahrung der Niederlage noch abzuwenden“, analysierte Tony Schwartz, Ghostwriter von Trumps Erfolgsbuch „The Art of the Deal“: „Er ist jämmerlich geworden“. Tatsächlich scheinen sich in Trumps Wirklichkeitsverweigerung rationale und irrationale Motive zu mischen. Für den einstigen Reality-TV-Star macht es durchaus Sinn, seine Person im Gespräch und die Trump-Show am Laufen zu halten. Das sichert ihm Spenden und verschafft ihm Zeit, seine künftige Rolle in der republikanischen Partei auszuloten, die er durch die Dolchstoßlegende an seine Person bindet.

Eine stärkere Rolle aber dürfte sein gekränkter Narzissmus spielen. „Am Ende wird der Präsident von einem Wort gejagt: Verlierer“, analysierte die New York Times auf ihrer Titelseite. Der Autor Dan Barry zeichnet darin nach, wie Trump in seiner beruflichen Laufbahn immer wieder Niederlagen mit absurden Lügen als Erfolge zu verkaufen suchte. So behauptete er 1990, als sein Casino Taj Mahal überstürzt mit nur einem Viertel der Slot-Maschinen eröffnete, die Automaten seien in Flammen aufgegangen, weil die Gäste so wild gespielt hätten. Ein Jahr später war das Casino pleite.



Dieser Moment droht dem Präsidenten am 20. Januar. Seine Niederlage eingestehen aber wird er wahrscheinlich nie. „Das wäre eine sehr schwierige Sache“, gestand Trump.
Von Karl Doemens


Liebe Grüße
Peter
nach oben springen

#18

RE: Abgesang der Populisten : Republikaner geben Trump verloren

in Ausland und EU 16.12.2020 17:42
von Peterbacsi • Admin | 3.590 Beiträge

US-Wahl Nach seiner Bestätigung durch das Wahlleute-Gremium rechnet Joe Biden scharf wie nie zuvor mit den Umsturzversuchen seines Vorgängers ab. Nun erkennt auch Senats-Mehrheitsführer Mitch McConnell seinen Sieg an

von Karl Doemens

Washington Sechs Wochen lang hat er gezögert. Auch nach der Abstimmung im Wahlleutegremium ließ er noch eine ganze Nacht verstreichen. Selbst Russlands Präsident Wladimir Putin hatte dem neuen US-Präsidenten schon gratuliert, als der republikanische Mehrheitsführer Mitch McConnell am Dienstag endlich ans Rednerpult des Senats trat und sich ins Unvermeidliche zu fügen begann. Neun Minuten lang pries er das segensreiche Wirken von Donald Trump. Dann räumte er ein: „Viele von uns haben ein anderes Ergebnis erhofft, aber (…) das Electoral College hat gesprochen. Ich möchte dem gewählten Präsidenten Joe Biden gratulieren.“


Das extrem späte Einlenken des einflussreichsten Republikaners, der als eiskalter Machtpolitiker gilt, sagt viel über den Einfluss aus, den Donald Trump dank seiner fanatisierten Anhängerschaft immer noch in seiner Partei besitzt. Es markiert politisch aber wohl das endgültige Aus für die Bemühungen des Noch-Präsidenten, das Wahlergebnis per Gerichtsentscheid oder durch einen Putschversuch ins Gegenteil zu verkehren. Bereits am Montag reichte der lange Zeit höchst loyale Justizminister William Barr seinen Rücktritt ein, nachdem er vor wenigen Tagen erklärt hatte, dass er keine Beweise für massiven Wahlbetrug kenne. In seiner Rede wiederholte auch McConnell Trumps Behauptung des Wahlbetrugs mit keinem Wort. Er betonte vielmehr, dass der verfassungsrechtlich vorgesehene Prozess abgelaufen und das Electoral College einen neuen Präsidenten gewählt habe.

Am Montag hatten 306 der 538 Wahlleute für Biden gestimmt, auf Trump entfielen 232 Stimmen. „Der gewählte Präsident ist kein Fremder im Senat“, spielte McConnell auf die mehr als 30-jährige Tätigkeit von Biden an: „Er hat sich selbst dem Dienst an der Öffentlichkeit für viele Jahre verschrieben“. Der Republikaner verkniff sich nicht, auf die „Differenzen“ hinzuweisen, die seine Partei mit Vizepräsidentin Kamala Harris habe, erklärte dann aber: „Die Amerikaner können stolz sein, dass unsere Nation zum ersten Mal eine weibliche Vizepräsidentin hat.“

McConnells Ton klang geschäftsmäßig, als er das Land auf ein „neues Kapitel der überparteilichen Zusammenarbeit“ einstimmte. Genau auf diese Möglichkeit der Kooperation setzt nun Joe Biden. Am Montagabend hatte er eine bemerkenswerte Rede gehalten, in der er hart wie nie zuvor das Treiben Trumps kritisierte und gleichzeitig das Land in staatsmännischem Ton zur Versöhnung aufrief. „Unsere Demokratrie – bedrängt, herausgefordert und bedroht – hat sich als widerstandsfähig erwiesen, als wahr und stark“, erklärte der 78-Jährige in seinem Heimatort Wilmington nach dem Abschluss des Wahlverfahrens in den 50 Bundesstaaten. Er erinnerte daran, dass Trump vor vier Jahren ebenfalls 306 Stimmen erhielt und damals von einem „Erdrutschsieg“ sprach: „Nach seinen eigenen Maßstäben illustrieren diese Zahlen also einen klaren Sieg.“

Die Bemerkung blieb nicht der einzige Seitenhieb des künftigen Präsidenten gegen seinen renitenten Vorgänger. Bislang hatte Biden bei seinen Auftritten Trumps Namen allenfalls beiläufig erwähnt und es vermieden, auf dessen Provokationen direkt einzugehen. Doch nun lieferte er eine ebenso scharfe wie nüchterne Abrechnung mit Trumps Treiben seit dem Wahltag. Detailliert listete Biden auf, welche Schritte Trump unternahm, um das Ergebnis zu überprüfen, dass er von 80 Richtern im Land abgewiesen wurde und dass Nachzählungen in mehreren Bundesstaaten ebenfalls am Ergebnis nichts änderten.

„Gleichwohl hat nichts diese substanzlosen Behauptungen über die Rechtmäßigkeit der Ergebnisse gestoppt“, monierte Biden. Dass tatsächlich die Justizminister von 18 Bundesstaaten und 126 republikanische Abgeordnete gegen die Auszählung in den Swing States klagten, nannte er „einen extremen Vorgang, wie wir ihn noch nie erlebt haben“. Letztlich sei es darum gegangen, mehr als 20 Millionen Amerikaner ihrer Stimme zu berauben: „Zum Glück hat der Supreme Court dieses Ansinnen sofort und vollständig zurückgewiesen.“

Eindringlich forderte Biden das Land auf, „ein neues Kapitel“ aufzuschlagen. Es sei nun die Zeit für Versöhnung und Heilung. Trump dürfte dem Appell kaum folgen und bis zur offiziellen Amtsübergabe am 20. Januar weiter wüten. Aber die für ihren Opportunismus berüchtigten Republikaner dürften dem Pöbler im Weißen Haus nach dem Schwenk von McConnell nicht mehr bedingungslos folgen.

von Karl Doemens


Liebe Grüße
Peter
nach oben springen

#19

RE: Abgesang der Populisten : Trumps Prediger fallen vom Glauben ab

in Ausland und EU 23.12.2020 16:17
von Peterbacsi • Admin | 3.590 Beiträge

USA Wochenlang verbreiteten rechte Medien wilde Verschwörungserzählungen über angebliche Wahlmanipulationen. Nun plötzlich konfrontieren sie ihre Zuschauer mit den Fakten

Washington. Mit einem eigenen Fernsehkanal und täglich rund einer Million Zuschauern gehört Pat Robertson zweifelsohne zu den einflussreichsten Vertretern der christlichen Rechten in den USA. In seiner Talkshow „The 700 Club“ wettert der 90-jährige Prediger gegen Sozialismus, Islam, Homosexualität und was aus seiner Sicht sonst noch des Teufels ist. „Trump wird die Wahl gewinnen“, verkündete er Ende Oktober: „Das ist sicher.“ Allerdings werde kurz darauf ein Asteroid die Erde treffen ...


Nun ist es etwas anders gekommen – und das Schlachtross der amerikanischen Fundamentalisten legt eine spektakuläre Kehrtwende hin. Während sich Donald Trump tiefer in seinen Verschwörungswahn hineinsteigert, schockierte Robertson seine Anhänger am Montag mit einem hellsichtigen Bekenntnis: „Ich habe gebetet und gehofft, dass es eine bessere Lösung gibt. Aber ich glaube, es ist vorbei.“ Joe Biden sei der künftige Präsident, Trump lebe in einer „alternativen“ Wirklichkeit: „Er hatte seine Chance. Nun ist es Zeit weiterzuziehen.“

Die Abkehr des prominenten TV-Hirten bedeutet für evangelikale Trump-Wähler einen Schock. Viele von ihnen glauben immer noch an ihr Idol. Und Trump befeuert den Wahn mit Räuberpistolen vom angeblichen Wahlbetrug, in deren Zentrum jene Maschinen stehen, die Stimmen scannen und auswerten. Mal sollen sie von Venezuela, mal von China und mal von Hillary Clinton so programmiert worden sein, dass sie Trump-Stimmen heimlich für Biden zählten.

Doch auch hier erleben die Anhänger des Präsidenten gerade einen Realitätsschock. Mitten in ihren Lieblingsshows der ultrarechten Fox -Moderatoren Lou Dobbs, Maria Bartiromo und Jeanine Pirro wurden am Wochenende Videoclips mit einem Faktencheck ausgestrahlt, die den Fälschungsvorwürfen ausdrücklich widersprachen. „Haben Sie Beweise dafür, dass Software verwendet wurde, um in dieser Wahl Stimmen auszutauschen?“, wurde ein Experte befragt. Antwort: „Nein, dafür habe ich keine Beweise.“ Stück für Stück wurden die Konspirationserzählungen, die die Moderatoren teilweise selbst verbreitet hatten, widerlegt.

Nun steht der Sender Fox-News bei Trumps Hardcore-Fans inzwischen ohnehin im Ruch des Verrats. Viele sind wie der Präsident zu den noch rechteren Kabelkanälen OAN und Newsmax abgewandert, wo Präsidenten-Advokat Rudy Giuliani und die mit der rechtsextremen QAnon-Verschwörungsideologie sympathisierende Anwältin Sidney Powell in den vergangenen Wochen ohne Belege ihre Versionen verbreiten durften.

Am Montag aber trauten viele Zuschauer ihren Augen nicht. Da erschien der ultrarechte Newsmax- Moderator John Tabacco ein bisschen steif auf dem Bildschirm und schien wie ausgewechselt. In den vergangenen Wochen seien viele Gäste aufgetreten und hätten „Meinungen“ über Dominion und Smartmatic, zwei führende Hersteller von Wahlmaschinen, geäußert, leitete er sein Statement ein. Ausdrücklich betonte er, dass sich sein Sender diese Behauptungen nicht zu eigen mache. Dann widersprach er ihnen Punkt für Punkt zwei Minuten lang. Dass Tabacco ausdrücklich betonte, beide amerikanische Unternehmen, die weltweit operieren, würden weder Hillary Clinton noch George Soros noch dem 2013 verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez gehören und von diesen auch nicht gesteuert, klang für Außenstehende bizarr. Doch für viele Newsmax- Zuschauer dürfte eine Welt zusammengebrochen sein.

Weder Fox-News noch Newsmax haben sich wohl freiwillig entschieden, ihre Berichterstattung zu widerrufen. Dahinter stecken vielmehr Verleumdungsklagen der beiden Wahlmaschinen-Hersteller, deren Geschäft unter den „falschen und diffamierenden Statements“ aus der Präsidenten-Umwelt zu leiden droht. In den USA können solche Klagen schnell extrem teuer werden und existenzbedrohende Strafzahlungen nach sich ziehen.

Doch die Liebe der rechten Medien zu Trump dürfte auch aus einem anderen Grund erkalten: Amerikaner sind in Gewinner verliebt. Trumps wüste Tweets klingen aber zunehmend selbstmitleidig. „Seine Attitüde des schlechten Verlierers beginnt selbst den Millionen, die ihn gewählt haben, auf die Nerven zu gehen“, kommentierte das sicherlich nicht Biden-freundliche Wall Street Journal zum Wochenbeginn.

Derweil ging Prediger Robertson auf maximale Distanz: „Trump hinterlässt eine gemischte Bilanz“, urteilte der Fernseh-Missionar in einer Art Nachruf: „Er hatte etwas, das gut war. Aber er war auch sehr sprunghaft und hat viele Menschen beleidigt.“

Um Präsident Donald Trump im Weißen Haus wird es einsam. Immer mehr politische Freunde und Unterstützer kündigen ihm die Freundschaft auf – wie jetzt auch einflussreiche TV-Prediger und rechte Medien. Von Karl Doemens


Liebe Grüße
Peter
nach oben springen

#20

RE: Abgesang der Populisten : Trumps Staatsstreich

in Ausland und EU 05.01.2021 16:24
von Peterbacsi • Admin | 3.590 Beiträge

Debatte In der einstmals so stolzen Demokratie Amerikas ist nichts mehr wie es war: Der Geist eines skrupellosen Machtmissbrauchs ist aus der Flasche


Mal spricht er wie ein gewissenloser Mafiaboss, mal wie ein wahnhaft Getriebener mit Realitätsverlust. „Es kann nicht sein, dass ich Georgia verloren habe“, beharrt Donald Trump. Seinen Gesprächspartner will er ernsthaft nötigen, das Wahlergebnis abzuändern und ihn zum Sieger zu erklären: „Alles, was ich will, sind 11 780 Stimmen.“ Er schmeichelt, er lügt, er beleidigt und er droht: „Das ist ein großes Risiko für dich“, warnt er den Parteifreund. Das hätte Al Capone kaum anders formuliert.



Das Tonband des Telefongesprächs von Donald Trump mit Brad Raffensperger, dem republikanischen Innenminister von Georgia, ist ein Dokument der Zeitgeschichte. Es offenbart, in welchem Ausmaß der amtierende US-Präsident das geltende Recht und Gesetz verachtet, ein zynisches Verhältnis zur Wahrheit pflegt und autokratisches Denken teilt. Das ist alarmierend. Wirklich überraschend ist es nicht. Genau so hat Trump seine krummen Geschäfte als Immobilienmogul betrieben. Und so hat er übrigens den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu erpressen versucht. Trumps moralische Verkommenheit ist nicht neu. Schockierend ist, in welchem Ausmaß dieser Mann in den vergangenen vier Jahren das Wertegerüst eines ganzen Landes beschädigt, Millionen Menschen aufgewiegelt und seine Partei zersetzt hat. Das Georgia-Tonband sei „schlimmer als Watergate“, hat Carl Bernstein, einer der Enthüller des damaligen Skandals, gesagt. Das gilt vor allem in einer Hinsicht: Nach dem legendären Lauschangriff nötigten die Republikaner im Sommer 1974 ihren Präsidenten Richard Nixon zum Rücktritt. Vier Jahrzehnte später machen sich führende Vertreter der „Grand Old Party“ wie Senator Ted Cruz aus Texas aktiv zu Komplizen in einem Coup-Versuch.

Nichts anderes steht dem Land nämlich bevor, wenn am Mittwoch der Kongress zusammenkommt, um in einer eigentlich rein zeremoniellen Sitzung die Wahlergebnisse der Bundesstaaten in Empfang zu nehmen. Im ganzen Land sind die Stimmen oft mehrmals ausgezählt und überparteilich von den Gouverneuren bestätigt worden. Signifikante Unstimmigkeiten hat es nach Aussagen der Verantwortlichen, des FBI und des ausgeschiedenen Justizministers Bill Barr nicht gegeben. Mehr als 60 Gerichte haben sämtliche Klagen des Trump-Lagers zurückgewiesen. Es gibt keinen begründeten Zweifel: Joe Biden hat die Wahl mit 306 der 538 Wahlleute-Stimmen gewonnen.

Dennoch inszenieren 140 Abgeordnete und zwölf Senatoren nun einen Aufstand, wie es ihn seit dem amerikanischen Bürgerkrieg nicht mehr gegeben hat. Auf der Basis von widerlegten Gerüchten, manipulierten Videos und rechten Konspirationserzählungen wollen sie Einspruch gegen die Ergebnisse einlegen. Das Ziel ist immer das Gleiche: Ein Teil der legalen Stimmen soll willkürlich nicht gewertet werden, damit Trump eine zweite Amtszeit erhält.

Das klingt irrwitzig und das ist es auch. Trotzdem haben sich bislang nur wenige republikanische Senatoren von dem Anschlag auf den Grundpfeiler der Demokratie distanziert. Im Gegenteil: Sie schmeicheln ihrem durchgeknallten König im Weißen Haus, um bloß nicht bei dessen Anhängern in Ungnade zu fallen. Mit seinem angstgetriebenen Populismus, seiner wütenden Rhetorik und seiner narzisstischen Illusionskunst hat es Trump nämlich geschafft, Millionen in seinen Bann zu ziehen. Seit Wochen hetzt er diese Menschen mit immer düsteren Verschwörungslegenden über angeblichen Wahlbetrug auf. „Das ist ein historischer Tag“, lädt er nun für Mittwoch zu einem Großprotest nach Washington. Auch militante Schlägertrupps haben ihr Kommen angekündigt. Während drinnen das Parlament berät, dürfte es draußen Krawalle oder Schlimmeres geben.

Das alles wird zwar am Ergebnis nichts ändern: Am Ende wird der versuchte Staatsstreich an der demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus scheitern. Aber nach dieser Schmierenkomödie ist in den USA nichts mehr, wie es war: Ein Tabu ist gebrochen. Der Geist eines skrupellosen Machtmissbrauchs ist aus der Flasche. Die Republikaner sind endgültig zur Trump-Sekte verkommen und werden den neuen Präsidenten Joe Biden mit allen Mitteln bekämpfen.

Die Diktatoren in aller Welt aber können sich ins Fäustchen lachen: Die ritualisierten Aufrufe zu freien und fairen Wahlen kann sich die einstmals stolzeste Demokratie der Welt künftig sparen.
redaktion@azv.de


Liebe Grüße
Peter
nach oben springen

#21

RE: Abgesang der Populisten : Der Verlierer heißt Trump

in Ausland und EU 07.01.2021 15:22
von Peterbacsi • Admin | 3.590 Beiträge

Der Verlierer heißt Trump

Von Gregor Peter Schmitz

Donald Trump ist ein Verlierer. Das ist der Satz, den Trump um keinen Preis der Welt wahrhaben möchte, weswegen er seit Wochen (oder sind es eher Jahre?) an seiner ganz eigenen Realität strickt, Stichwort „Wahlbetrug“. Bislang haben erschreckend viele Republikaner an Trumps Legende mitgestrickt, die meisten aus Angst vor dessen vermeintlich magischer Wirkung auf immer noch breite Wählerschichten in den Vereinigten Staaten.

Doch die Senatsnachwahlen im Bundesstaat Georgia reißen tiefe Löcher in dieses Strickmuster – das zumindest lassen die Zwischenergebnisse vermuten. Gewinnen die Demokraten dort wirklich beide Sitze, sichern sie sich eine knappe Mehrheit im so wichtigen US-Senat – und Joe Biden die realistische Chance, ein Präsident mit eigener Agenda zu werden statt nur einer, der dem aufgewühlten Land etwas Ruhe beschert.

Vor allem aber zeigen die Ergebnisse im eigentlich republikanisch geprägten Süden, wie sehr der Verschwörungstheoretiker Trump für seine Partei zur Hypothek geworden ist – das sollte all jene Republikaner stärken, die mit dem zunehmend irrationalen Präsidenten offen brechen wollen.

Verstummen wird auch der Verlierer Trump nicht. Aber wenn ihm weniger zuhören, wäre schon viel gewonnen.


Liebe Grüße
Peter
nach oben springen

#22

RE: Abgesang der Populisten : Der Verlierer heißt Trump

in Ausland und EU 09.01.2021 13:17
von Peterbacsi • Admin | 3.590 Beiträge

Twitter: Konto von US-Präsident Trump dauerhaft gesperrt


Der Noch-Präsident verurteilt den Sturm auf das Kapitol, trotzdem erwägen die Demokraten ein erneutes Amtsenthebungsverfahren gegen ihn.

Zum Artikel


Liebe Grüße
Peter
nach oben springen

#23

RE: Abgesang der Populisten : Amtsenthebungs-Anklage am Montag im Senat

in Ausland und EU 23.01.2021 18:42
von Peterbacsi • Admin | 3.590 Beiträge

Amtsenthebungs-Anklage am Montag im Senat

Der US-Senat soll am Montag die Anklageschrift im Verfahren gegen Donald Trump wegen „Anstiftung zum Aufruhr“ erhalten.

Das kündigte der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Chuck Schumer , am Freitag an. Die Übermittlung der konkreten Anklagepunkte ist der nächste Schritt im Amtsenthebungsverfahren gegen den ehemaligen Präsidenten. Trumps Amtszeit ist zwar diese Woche abgelaufen – aber das Verfahren könnte eine lebenslange Ämtersperre für Trump bringen. Die Republikaner im US-Senat wollten den Beginn der Verhandlungen im Amtsenthebungsverfahren bis etwa Mitte Februar hinauszögern. Bislang ist unklar, ob genug Republikaner für eine Verurteilung Trumps stimmen würden. (dpa)


Liebe Grüße
Peter
nach oben springen



Besucher
0 Mitglieder und 7 Gäste sind Online

Forum Statistiken
Das Forum hat 2902 Themen und 4131 Beiträge.

Heute waren 0 Mitglieder Online:


Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen